Die Reise 2017, Europa, Grossbritannien, Nordirland
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#3 – Belfast: Vibrant, but still a bit troubling.

August 2017 – Nach vier Tagen Dublin reisen wir weiter nach Belfast. Wir waren beide noch nie da, entsprechend neugierig sind wir auf die Hauptstadt von Nordirland.

Kaum sind wir aus dem Bahnhof raus, irritiert mich der Rauchgeruch. Und tatsächlich brennt direkt auf der Strasse links von uns ein Auto. Die Feuerwehr trifft in der nächsten Minute ein. Ist das hier tatsächlich immer noch so? Klischee? Am nächsten Tag titeln die Zeitungen: „A Night of Shame“, also doch nicht alles so üblich.

    

Reise
Mit dem Zug ab Dublin Connolly sind wir in etwas über zwei Stunden (und 38 Pfund pro Person) da. Während der Reise spricht uns der irische Sitznachbar an, ihm kam unsere Sprache etwas deutsch vor. Er selber hat vor vielen Jahren in Australien eine Deutsche kennengelernt und dann für zwei Jahre mit ihr in Ulm gelebt. Mit uns frischt er sein sehr gutes Deutsch ein wenig auf und gibt uns noch den einen oder anderen Tipp.

    

Wohnen
Wir haben uns für drei Nächte ein Zimmer im „Park Inn by Radisson“, 4 Clarence Street West, gebucht. Perfekte Lage für alle unsere Unternehmungen, sehr freundliches und hilfsbereites Personal und grosszügiges Zimmer. Die Nacht kostet uns rund hundert Franken, Preis-Leistungs-Verhältnis also mehr als gut.

Essen, Trinken
Nicht immer haben wir Glück mit unserer Wahl (nein, auch wenn ihr noch so Lust auf italienisch habt, geht nicht ins „Fratelli“), meistens jedoch schon.

  • „Deane’s Deli Bistro“, 44 Bedford Street: Für Frühstück perfekt. Es gibt auch Lunch und Dinner, haben wir aber nie versucht. Ich bestelle mir mal Porridge, ist aber wohl nicht so mein Ding. Abgesehen davon, dass die Portion riesig war.
  • „Sweet Afton“, 12 Brunswick Street: Hier könnte man auch essen und die Einrichtung (inkl. Cheminée-Feuer und DJ-Pult) ist sehr schön, wir beschränken uns auf Apéro.

 

 

  • „The Perch“, 42 Franklin Street: Läge diese grossartige Rooftop-Bar nicht direkt um die Ecke unseres Hotels, ich hätte sie wohl nie entdeckt. Im Eingang, der wie eine Garage aussieht, wird man von Vogelkäfig-Deko und Gezwitscher empfangen. Der (Lieferanten-)Lift ist bedient. Es ist kein offenes Dach, sondern eher ein Dachstock, in dem alles ausser die Seitenwände und Balken entfernt wurde. Die Drinks sind mit Liebe gemacht und genauso bunt. Mein Pimm’s Punch schmeckte grossartig!

 

 

  • „The Crown Liquor Saloon“, 46 Great Victoria Street: Einer der ältesten Pubs im Land. Sehr schönes Interieur, abgetrennte Essbereiche. Das Clubsandwich ist zwar nur durchschnittlich, aber vielleicht würde ja ein Bier helfen. Sich das anzusehen lohnt jedoch allemal.
  • „Acton & Sons“, 17 Brunswick Street: Mein Vegi-Menü (Lentil & Nut roast seasonal vegetables and vegan gravy) war nicht nur eine Verlegenheitslösung, sondern richtig gut. Und auch das Fleisch-Menü des Mannes kam richtig gut weg.

Ansehen, Ausflüge

    

  • „Black Cab Political Tour“: Das Hotel hat gebucht, Eugene holt uns ab. Üblicherweise eine Taxi-Tour von 1.5 Stunden (es werden am Schluss zwei) mit einzelnen Zwischenstopps, für 30 Pfund und dies nur für uns zwei. Ich muss echt zugeben, mein Herz war danach etwas schwer. Als politisch interessierter Mensch war mir einiges vom Nordirland-Konflikt bekannt, aber nicht in diesen Ausführungen. Eugene ist um die 60 Jahre, Katholik, verheiratet mit einer protestantischen Frau. Was drei Prozent der Bevölkerung entspricht und in Konfliktgebieten nach wie vor eine unmögliche Verbindung darstellt. Er führt uns sehr neutral an die Geschichte ran und eröffnet uns auch erst zum Schluss seine Situation (sein Vater starb bei einem Bombenanschlag, er selber wurde an der Hand angeschossen). Wir fahren sowohl in katholische (keine Flaggen, sehr ruhig alles) als auch in protestantische (Englandflaggen und Banner von paramilitärischen Organisationen überall) Quartiere. Dies ist weiter auch kein Problem. O-Ton Eugene: „Wir sind die freundlichsten Menschen in der ganzen Welt, nur zu uns selber sind wir es nicht.“ All die Strassen, wo nachts und am Wochenende immer noch die Durchgänge zwischen Katholiken und Protestanten abgesperrt werden; die Käfige, die als Schutz vor Steinen und Molotow-Cocktails an den Rückseiten der Häuser entlang der Peace Line gebaut wurden; die Gedenkstätten; die Wandmalereien (Murals), in welchen den „Helden“ gedenkt wird; Bonfires… Schwer nachvollziehbar für uns.
  • „Ulster Museum“, Botanic Gardens: Wie hier üblich ist der Eintritt gratis, Spenden werden empfohlen. Die Etagen sind unterteilt in Art, Nature und History. Interessant für mich ist der einheimische, zeitgenössische Teil sowie die Foto-/Videoausstellung über die Troubles. Allerdings hat es hier wohl Tradition, dass man mit seinen Kindern ins Museum geht. Das ist an sich eine gute Sache; wenn allerdings Dutzende Kinder rumrennen und ihre Eltern sie vor Bildern, welche Bombenanschläge zeigen, posieren lassen, vermisse ich den nötigen Respekt, der meines Erachtens bei diesem Thema angebracht wäre.

    

  • „Botanic Gardens“, College Park E: Einfach nur wunderschön. Und vor allem das Tropenhaus, welches im Jahr 1839 entstanden ist. Der Mann fügt an, dass hier doch auch Szenen der Serie „The Fall“ mit Gillian Anderson und Jamie Dornan gedreht wurden.
  • Cave Hill: Mit dem Bus fahren wir bis „Strathmore Park“ und laufen von da rund eine Stunde hoch bis McArt’s Fort. Von da gibt es die grossartigste Aussicht überhaupt auf Belfast und seinen Hafen!
  • „City Hall“, Donegall Square: Zum Rathaus hat man freien Zutritt ohne Kontrollen. Man könnte eine geführte Besichtigung machen oder sich so wie wir einzelne Bereiche und die Ausstellungsräume ansehen. Nett hier!
  • „Titanic Museum“, 1 Olympic Way: Wir fahren mit dem Bus raus und schaffen es auch bis zum Empfangsbereich. Lust die Ausstellung zu besuchen? Nein. Ich kann also nicht sagen, ob es lohnenswert ist. Gut aussehen tut es schon. Gleichzeitig sind auch die Teams von Italien und Deutschland da, die an der U19-Frauen-Fussball-EM teilnehmen. Diese findet im Moment grad hier statt. Der Spaziergang zurück in die Stadt ist auf alle Fälle sehr schön.
  • „Tourist information centre“, 9 Donegall Square North: Riesig, modern und mit allen Informationsmöglichkeiten und -arten ausgestattet. Ausserdem – wie hier überall – sehr hilfsbereite Menschen.

Ganz ehrlich? Mir hat es diese Stadt vom ersten Augenblick angetan. Ich finde sie einfach lebendig und grossartig! Ich kann es nicht wirklich erklären, aber manchmal gibt es das einfach. Ich kann mich jederzeit sehr gut orientieren, die Architektur (ja, auch die baufällige) beeindruckt mich und ich fühle mich einfach wohl. Vor über 20 Jahren erging es mir mit Paris ziemlich genauso. Hätte ich das gewusst, hätte ich Dublin einen Tag gekappt und hier einen Tag angefügt.

In den letzten eineinhalb Jahren habe ich die fünf Krimis von Adrian McKinty mit seinem Polizisten Sean Duffy gelesen. Diese spielen Anfang der 80er Jahre in Carrickfergus und Belfast und geben neben der Kriminalgeschichte auch ein sehr gutes Zeitbild ab. Für mich schliesst sich mit dem, was wir hier hören und sehen, auch ein wenig der Kreis. Und vielleicht sollte ich unter diesem Gesichtspunkt nochmals eines der Bücher lesen.

Wetter
Viel Sonne, Wolken, wenig Regen, leicht windig (nie kalt), ca. 16 bis 18 Grad.

6 Kommentare

  1. Christoph Rytz sagt

    Danke für diesen tollen Bericht! Belfast ist rough, aber trotzdem (oder deswegen) toll. War auch viel zu kurz dort vor zwei Jahren, und es erging mir ähnlich. Wünsche euch zwei eine gute Weiterreise!

    • Danke, lieber Christoph! Und ich hoffe, du schaffst es bald mal wieder hin. Es lohnt sich also immer noch…
      Liebe Grüsse, Eliane und Martin

  2. Nuber Werner sagt

    Ist wie immer spannend und informativ, dein Bericht. mache gerne mal einen Besuch. Im Moment ist in Bern jedoch das neue Museum für Kommunikation angesagt: super Ausstellung, viel Spiel, Spass und Infos: http://www.mfk.ch
    Liebe Grüsse

    • Lieber Werner
      Schön, warst du auf meinem Blog zu Besuch. Es freut mich natürlich auch, dass du meinen mittlerweile viel beachteten Blog schon als Werbeplattform nutzt 🙂 Viel Erfolg!
      Liebe Grüsse, Eliane und Martin

    • Christoph Rytz sagt

      Lieber Werner, schön dich hier zu lesen – und Danke für den Berner Tipp! Herzliche Grüsse, Christoph

  3. Myriam sagt

    Liebe Eliane,

    Ihr seid schon in Kanada und ich stecke erst in Belfast…..
    Anyway: Grossartiger Artikel. Vielen Dank. Ich kenne Irland noch nicht, das muss sich schleunigst ändern.

    Deine Feder ist immer wieder ein Vergnügen. Ich freu mich schon aufs Weiterlesen.

    Alles Liebe und herzliche Grüsse, auch dem Mann
    myriam

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